07.10.2016

Wie gestalten Planer und Naturwissenschaftler den Handel der Zukunft? Interview mit Jürg Frefel, Migros Aare

Die Migros ist die Nummer eins im Schweizer Einzelhandel. Mit über 100.000 Mitarbeitern und einem Gesamt-Umsatz von über 27 Mrd. CHF ist die Migros-Gruppe Vorreiter bei der Digitalisierung – und Marktführerin im Schweizer E-Commerce. Innovative Dienstleistungen wie der Abholservice PickMup oder die Kunden-Community Migipedia unterstreichen den hohen Anspruch der Migros an Kundenorientierung.

Solche Erfolge kann man heute nur erreichen, wenn die gesamte Wertschöpfungskette optimal aufeinander abgestimmt ist. Hierfür ist Jürg Frefel, Leiter der Direktion Logistik & Informatik und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Genossenschaft Migros Aare, eine der zehn Genossenschaften der Migros, mitverantwortlich.

 
Jürg Frefel ist Experte für Logistik und Informatik bei Migros Aare

Im Vorfeld des Deutschen Handelskongresses, bei dem Jürg Frefel als Referent beteiligt ist, sprachen wir mit ihm über Datenmanagement und Datenwissenschaft - und die Rolle, die Planer und Naturwissenschaftler dabei spielen können.

Herr Frefel, was bedeuten die Veränderungen im Retail-Geschäft für die Supply Chain im Lebensmittel-Handel?

Jürg Frefel: „Ich sehe grundsätzlich zwei große Veränderungen. Zum einen die Digitalisierung entlang der gesamten Supply Chain, die an Geschwindigkeit zunimmt und konkreter wird. Auf der anderen Seite sind es Kosten- und Servicethemen, die verstärkt im Raum stehen. Bezüglich der Digitalisierung muss man achtsam sein und beobachten, was sich genau verändert und welchen Einfluss das hat. Hier beobachten wir sehr stark das Umfeld, machen Trendanalysen und Learning Journeys innerhalb und außerhalb unserer Geschäftsfelder und leiten entsprechende Massnahmen ab“.

Bei den Kosten- und Serviceoptimierungen muss man unterscheiden, ob es Newcomer oder langjährig etablierte Unternehmungen sind, die den Markt beeinflussen. Für uns als Migros ist unabhängig davon wichtig zu wissen, was unsere Kosten- und Servicethemen sind und wo wir günstiger und effizienter werden und Services zugunsten unserer Kunden optimieren können.

Hier haben wir in den letzten Jahren ein sog. „Total Cost of ownership Modell, kurz TCO“, entwickelt, welches es uns erlaubt, die Kosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette im Detail zu beobachten und mit gezielten Massnahmen einzugreifen.

In Kombination mit der Digitalisierung müssen wir schauen, wie wir bessere Services zu niedrigeren Kosten bringen können, indem wir bestimmte Themen einfach anders angehen als früher. Beispielsweise weg von „make-to-order-Planung“ hin zu iterativen „Forecast-Planungsansätzen.“

Wie können Sie sicherstellen, dass die erforderlichen Daten jederzeit lückenlos zur Verfügung stehen?

Jürg Frefel: „Zunächst ist es wichtig zu definieren, welche Daten wir genau brauchen. Was ist die Systemgrenze dieser Daten? In der Vergangenheit haben wir in der Logistik uns die Daten vom Wareneingang bis zum Wareneingang in der Filiale angeschaut. Heute und in der Zukunft betrachten wir die Prozesse vom Produzenten, z.B. von Gemüse- oder Früchteprodukten, deren Lieferanten, unserer Logistik bis hin zu den Filialen - und in den Filialen dann bis zum Point-of-Sale, wo der Kunde die Waren entgegennimmt. Also entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Zusehends verlagert sich der POS immer weiter in Richtung Kunden wie bsp. zu den PickMup-Stellen oder zu konsolidierten home deliveries“.

 
Migros setzt hochautomatisierte Logistik-Anlagen

Mir persönlich erscheint es wichtig, dass man nicht einfach möglichst alle Daten erfasst, die verfügbar sind, sondern dass man sich sehr genau überlegt, was man überhaupt braucht. Nur so kann man im Rahmen der Digitalisierung den Materialfluss mit dem Informationsfluss nachhaltig verbinden. Dann muss man festlegen, in welcher Genauigkeit die Daten benötigt werden. „Echtzeit“ muss nicht immer im Millisekunden-Bereich sein. Man muss sich überlegen, wie häufig man solche Planprozesse überhaupt steuern kann und will.

Wir haben ein Projekt gestartet, bei dem wir sehr genau erforschen, welche Daten wir in welcher Qualität und Periodizität brauchen. Es bringt uns beispielsweise wenig, wenn wir auf der Handelseinheit RFID-Tags einsetzen wollen, aber nicht alle Gebinde auf dem Logistikmarkt ausgezeichnet sind, wie z.B. die IFCO- oder Einweg-Gebinde.

Wie gehen Sie vor diesem Hintergrund konkret bei Migros beim Supply Chain Management vor?

Jürg Frefel: „Aktuell führen wir das SAP Forecast and Replenishment Frische-Modul ein. Damit haben wir die Grundlage „Predictive Planning Systemansätze“ überhaupt in Erwägung zu ziehen. Im Logistik-Umfeld sind wir bis anhin noch nicht so adäquat aufgestellt gewesen. Aus eigener Erfahrung ist man im Produktionsumfeld schon deutlich weiter gediehen.

Auf der anderen Seite müssen wir den Informationskreislauf mit unseren hochautomatisierten Anlagen verbinden. Es nutzt wenig, wenn wir zwar Prognosen berechnen können, aber mit unseren Shuttle-Lagern die Information nur halbherzig kombinieren. Hier konstruieren wir eine Systemlandschaft entlang der gesamten Supply Chain mit großer Transparenz für alle Beteiligten, so dass auch der Lieferant möglichst zeitnah unsere Abverkäufe sieht und sich dementsprechend vorbereiten kann.

Wir können heute schon zu einem bestimmten Prozentsatz sagen, was wir in drei Monaten verkaufen werden. Das kann in einem iterativen Prozess immer genauer kalkuliert werden. Es geht darum, eine Systemlandschaft zu bauen, die den Kunden mit unseren hochautomatisierten Anlagen und Fahrzeugen sowie den Lieferanten in einer logischen Reihenfolge verbindet.

 
Logistik-Steuerung braucht Smart Data, nicht Big Data, findet Jürg Frefel, Migros, Aare

Im Retail-Geschäft allgemein haben wir enorm viele Daten. Aus Big Data sogenannte Smart Data zu machen, das ist die hohe Kunst. Zu Beginn meiner praktischen Tätigkeiten habe ich einige Zeit in der immunologischen Grundlagenforschung gearbeitet. Dort hat man extrem viele Daten, die man auswerten kann – aber daraus die erste, zweite oder dritte Ableitung zu machen, das ist das eigentliche Thema. Ich hatte kürzlich Kontakt mit einem israelischen Retail-Unternehmen, das für die Absatzplanung Genetiker angestellt hat, die ihnen die Algorithmen erarbeiten für optimale Absatzplanung.

Auch bei Migros haben wir Biologen angestellt, denn diese Leute haben einen anderen Ansatz, von Big Data zu Smart Data zu gelangen als die traditionellen Planer. Mit der Kombination von neuen und alten Ansätzen erreichen wir überdurchschnittliche Resultate oder anders ausgedrückt „Zukunft hat immer auch Herkunft“.“

Den interessanten Vortag von Jürg Frefel können Sie im Rahmen des Strategieforums „LEH-Special: Retail Operations – Mit einer exzellenten Supply Chain zu differenzierenden Kundenversprechungen“ verfolgen. Ein Muss für jeden LEH-Spezialisten!

Melden Sie sich hier für den Deutschen Handelskongress 2016 in Berlin an.

Fotos: Villard Kommunikationsmedien

Deutscher Handelkongress 2016

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