25.10.2019

Neue Technologien richtig einsetzen
Unternehmen können vom Einzelhandel profitieren

Der Onlinehandel ist dem Einzelhandel überlegen – diese Überzeugung hält sich hartnäckig, obwohl sie alles andere als wahr ist. Denn wenn man genauer hinsieht, steht der stationäre Einzelhandel dem Onlinehandel hinsichtlich seiner Potenziale in nichts nach – im Gegenteil: Mit dem Einsatz von digitalen Technologien bietet er sogar einzigartige Möglichkeiten, das Shoppingerlebnis zu optimieren. Vor allem aber steckt in ihm die Kraft, das Online-Geschäft erheblich anzutreiben. Um ein Beispiel zu nennen: Ende letzten Jahres führte die britische Kaufhauskette Harvey Nichols die App AskHN ein, mit der Kundinnen und Kunden des Online-Shops Fragen an echte Verkäufer stellen können. Dafür wurden rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an verschiedenen Standorten geschult. Das Ergebnis: Die Gesprächsraten für AskHN-Userinnen und -User sind mehr als zehnmal so hoch wie der Durchschnitt der Website und der durchschnittliche Bestellwert ist 63 Prozent höher.

Damit wird deutlich, welche verkaufsfördernden Synergien die sinnvolle Verschränkung von Onlineund Offlinehandel entfaltet. Eine Schlüsselrolle übernehmen dabei ganz eindeutig intelligente Techniken, die meist online, jedoch bisher viel zu selten offline eingesetzt werden. Sie sind das Bindeglied zwischen den beiden Vertriebswegen; die Brücke, die nicht nur eine individuelle Konsumentenansprache, sondern auch eine personalisierte, auf die jeweiligen Kundenwünsche ausgerichtete Beratung am Point of Sale ermöglicht. An solchen, auf den neuesten Technologien basierenden Offline-Services arbeiten wir bei Henkel mit Nachdruck. Henkel Beauty Care hat zum Beispiel Choicify entwickelt, eine mobile Colorationsberatung für den Drogeriemarkt, die den Kundinnen und Kunden im Dschungel des Colorations-Angebots Orientierung bietet. Ziel war es, eine einfache und leicht zu bedienende mobile Anwendung zu liefern, die den Verbraucherinnen und Verbrauchern dabei hilft, die richtige Marke oder den richtigen Farbton direkt am Point of Sale zu finden, ohne extra eine App herunterladen zu müssen. Das Besondere: Nicht nur Henkel-Colorationen werden dabei berücksichtigt, sondern auch Marken anderer Hersteller. Die Colorations-Käuferinnen und -Käufer können diese webbasierte Beratung direkt am Regal abrufen, um sich helfen zu lassen. Per Smartphone können sie entweder über den QR-Code oder den NFC-Chip leicht die mobile Webseite aufrufen. Über wenige Klicks, die ihre Ausgangshaarfarbe und Wunschhaarfarbe erfragen, kommen sie dann zu einer persönlichen Auswahl.

Selbstverständlich profitieren nicht nur die Kundinnen und Kunden von solchen digitalen Serviceangeboten und -tools. Auch Unternehmen können ihren Vorteil daraus ziehen, denn durch die Erkenntnisse am Point of Sale lassen sich datengetriebene Innovations- und Marketingprozesse maßgeblich beschleunigen. Ein wichtiger Punkt, schließlich wird unser zukünftiger Erfolg durch einen ganz wesentlichen Wettbewerbsfaktor bestimmt: Geschwindigkeit. Je besser Markenhersteller und ihre Handelspartner die Bedürfnisse der Konsumenten und die damit verbundenen Trends verstehen, desto schneller können sie sich an die Customer Journey ihrer Zielgruppen anpassen, das Produkt entwickeln und erlebbar machen. Dabei bieten insbesondere transformative Technologien zukunftsorientierten Unternehmen viele Möglichkeiten, um die Kauferfahrung am Point of Sale völlig neu zu gestalten.

Um dieses technologische Potenzial zu nutzen und die digitale Transformation zu beschleunigen, habe ich im Februar 2018 gemeinsam mit Marius Swart HenkelX gegründet. Als Open-Innovation-Plattform bringt HenkelX Industriepartner wie zum Beispiel die Porsche AG, APX oder Axel Springer, Venture Capitalists, Forschung, Entrepreneure sowie Start-ups zusammen, um mit ihnen gemeinsam an den digitalen Geschäftsmodellen und Verbraucherservices der Zukunft zu arbeiten, von denen alle – auch andere Branchen und Industrien – profitieren. Durch die im September gefallene Entscheidung, Henkels Venture Capital der HenkelX-Plattform zu überantworten und daraus HenkelX Ventures zu machen, werden wir ab sofort in der Lage sein, die Digitalisierung der Industrie noch schneller voranzutreiben und in vielversprechende Unternehmen und Startups zu investieren. Denn durch diese Kooperationen sind wir nah an den neuesten Trends und Entwicklungen dran. Welche Innovationen wirklich disruptiv sind und in welche es sich lohnt, weiter zu investieren, finden wir relativ schnell in unserem agilen POC's (proof pf concept)-Verfahren heraus. Die größte Herausforderung liegt bei all dem jedoch nicht so sehr in der Entwicklung der Technik selbst, sondern vielmehr darin, wie wir die damit einhergehenden Möglichkeiten nutzen, um verschiedene Kundenservices, Business-Modelle und Geschäftsbereiche zu optimieren und weiterzuentwickeln – das gilt auch und vor allem für den Retail-Sektor.

Alles in allem wird die digitale Transformation auch analoge Bereiche wie den Einzelhandel erobern und dazu führen, dass er zukünftig sehr viel flexibler, lebendiger und reaktionsschneller wird. John Hoke, Chief Design Officer von Nike, hat für diese Entwicklungen ein sehr treffendes Bild gefunden: Als „Website in Echtzeit" beschreibt er den Einzelhandel der Zukunft. Nicht nur der Handel, sondern auch Unternehmen können vom Investment in neue Technologien und deren Integration in den Einzelhandel profitieren. Dafür müssen Hersteller und Retail-Partner noch intensiver zusammenarbeiten. In dieser Verknüpfung liegt ein großes Potenzial – wir müssen es nur nutzen.


Dr. Rahmyn Kress ist Teilnehmer des CEO-Round Table des diesjährigen Deutschen Handelskongresses und diskutiert mit weiteren Teilnehmern zum Thema
DIE DIGITALISIERUNG DER VALUE CHAIN – CHANCEN UND HERAUSFORDERUNGEN FÜR DEN HANDEL

 

Das aktuelle Handelsblatt Journal „THE FUTURE OF RETAIL"

Deutscher Handelkongress 2016

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